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Reaktionspapier zu Greve, Jens: Gesellschaftskritik und die Krise der kritischen Theorie

Jens Greve bearbeitet die Frage „Worauf kann eine wissenschaftliche Kritik der Gesellschaft sich stützen?“[1] Dabei geht er davon aus, dass die Soziologie über keine universellen Maßstäbe verfüge. Kritik, so der Autor, sei immer konditional „sie hängt hinsichtlich ihrer Geltung an schon vorausgesetzten Wertorientierungen.“[2] Sie müsse rekonstruieren auf welche Normen sich eine Gesellschaft beruft. Schließlich

„wird dies zu einer Krise der kritischen Praxis immer dann führen, wenn sich einheitliche und widerspruchsfreie Kriterien der Kritik in der vorgefundenen normativen Praxis nicht ausmachen lassen. Wenn die gegebenen Werthaltungen nicht geteilt werden, ergibt sich das Verallgemeinerungsproblem der kritischen Theorie: Ein allgemeines Interesse, von dem aus Kritik geübt werden kann, ist dann auf dem Wege einer Soziologie der Kritik nicht formulierbar.“[3]

 

Greve unterscheidet grundlegend zwei Arten von Kritik: Normative Kritik und nicht-normative Kritik. Letztere beruht auf der Annahme, dass eine „Lebensform kritisierbar ist allein aufgrund von Maßstäben, welche unabhängig von Werthaltungen begründet werden können“[4]. Demgegenüber begründet sich eine normative Kritik anhand von Werthaltungen.[5] Normative Kritik lässt sich wiederum in drei Kategorien einteilen: Externe, Interne und Immanente Kritik.[6] Bei der externen Kritik wird versucht die Wertvorstellungen die der Kritik zugrunde liegen unabhängig von den Werten der kritisierten Gesellschaft zu formulieren.[7] Dabei ist jedoch zu fragen wie sich ein normativer Maßstab rechtfertigen lässt der sich nicht auf gegebene Werte der Gesellschaft bezieht? Greve gibt auf diese Frage die Antwort, dass es nicht möglich sei zu begründen „warum die zur Kritik verwendeten Maßstäbe ihrerseits richtiger sein sollten als die kritisierten Maßstäbe“[8] Interne Kritik beruft sich auf die Werte und Normen der Gesellschaft um diese zu kritisieren.[9]

„Interne Kritik könne zwar sinnvoll sein, wenn sich beispielsweise zeigen lässt, dass eine

Praxis bestimmte geteilte Werthaltungen verfehlt. Man denke an die Problematik von herkunftsbedingter Selektivität im Bildungssystem, wenn diese an einem meritokratischen Ideal gemessen wird. Der Nachteil interner Kritik, stellt Rahel Jaeggi fest, »liegt aber ebenso auf der Hand: Sie bleibt partikularistisch an die bestehenden Normen einer Gemeinschaft […] gebunden.« (Jaeggi 2009: 285)“[10]

 

Interne Kritik „verlässt sich auf die gegebenen Maßstäbe – diese bleiben aber unkritisierbar. Oder genauer: Sie bleiben natürlich kritisierbar, aber nur im Lichte anderer schon gegebener Werthaltungen.“[11]

 

Als dritter Weg der Kritik hat sich schließlich eine immanente Form der Kritik etabliert. Mit der internen Kritik gemein hat die immanente Kritik ihre Bezogenheit auf schon existierende Normen.[12] Die Unterschiede seien:

1.) die Kritik der immanenten Kritik kann an impliziten Wertvorstellungen ansetzten.

2.) geht sie von „fundamentalen Werten einer Praxis aus“[13].

3.) Erklärt sie auch die Widersprüche die sie aufdeckt,

4.) Transformiert immanente Kritik die Praxis,

5.) kann sie einen Wandel in eine Richtung lenken.[14]

 

Greve behauptet nun, dass diese Kriterien entweder keinen Widerspruch zur immanenten Kritik darstellten oder sich nicht begründen ließen. In den ersten vier Kriterien kann Greve keinen Widerspruch zur internen Kritik finden und konzentriert sich schließlich darauf zu untersuchen ob es, wie in Punkt fünf behauptet, möglich ist „die normativ gebotene Richtung des Wandels [zu] bestimmen?“[15]

 

Ein Ansatz mit dem versucht wird die Richtung des Wandels normativ zu Begründen ist der durch die Beurteilung von Problemlösungsstrategien. Dabei wird funktional untersucht inwiefern sich eine Praxis zur Erreichung eines Ziels eignet. Damit ist gemeint, dass sich (Teil-)Gesellschaften aufgrund des Erfolgs ihrer Problemlösungsstrategien bewerten lassen. Im Verlauf der Zeit transformiert sich der Maßstab der Kritik. „Kritik ist in diesem Sinne ein sich selbst fundierender Prozess“ (Jaeggi 2014: 281) denn „›Fortschritt‹ soll sich […] ja gerade nicht an einem externen gesetzten, vorgegebenen Ziel ›da draußen‹ orientieren oder an einer ›Wahrheit der Geschichte‹ […], sondern an Kriterien, die

sich inhärent auf das Transformationsgeschehen selbst richten.“ (Jaeggi 2014: 317)

 

„Der Verweis darauf, dass die Gesellschaft sich selbst im Zuge der Kritik zu transformieren

in der Lage ist, bleibt kriterial leer. Dieses Problem lässt sich nur vermeiden, wenn kritische

Theorie sich auf den zukünftigen Standpunkt schon stellen und von dort aus Vermutungen darüber anstellen könnte, welche Transformation aus der Sicht der Beteiligten anderen Transformationen oder Beharrungen gegenüber als zuträglicher empfunden werden wird.“[16]

 

Die zweite Möglichkeit, mit welcher die Richtung des Wandels normativ begründet werden soll ist die Betrachtung der Selbstkritik als ein Lernprozess. Dabei wird die kritische Theorie, wie schon von Jürgen Habermas und Alfred Lorenzer, ähnlich der Psychoanalyse verstanden. Auf diese Weise „gehe es der kritischen Theorie um die Analyse sozialer Mechanismen der Unterdrückung hinreichender Reflexion und der durch diese Analyse erzielten Befreiung von den entsprechenden Zwängen.“[17] Nach diesem Ansatz bedarf eine kritische Theorie keiner eigene Methodologie, sondern pathologisiert Zustände und zeigt auf, dass nach der Therapie eine Besserung eingetreten ist. „Zum anderen zeigt sich die Grenze dieser Kritik. Ein zukünftiger Zustand kann als Bewährung eines hypothetisch angesetzten Maßstabes gegenwärtig nicht gelten.“[18]

 

Abschließend stellt Greve heraus:

„Sobald sich die Gesellschaft als eine darstellt, in der über Interesse und Werte kein Konsens

herrscht, fehlen der kritischen Theorie die Ressourcen, begründet über die Berechtigung oder

Nichtberechtigung bestimmter Interessen und Orientierungen überhaupt zu urteilen. Entweder

muss dann kritische Theorie, ganz wie die traditionelle, auf Politik verzichten oder sie ergreift

innerhalb des »zerrissenen Gesellschaftsganzen«, von dem Max Horkheimer (Horkheimer 2003:236) sprach, Partei, wird dafür aber wissenschaftliche Gründe nicht anführen können.“ [19]

 

Greve diskutiert die Möglichkeit einer kritischen Theorie ihre Maßstäbe zu begründen. Er sucht also nach objektiven Gründen für Werturteile, von denen Max Weber behauptet die Sozialwissenschaften sollten und könnten diese nicht liefern.[20] Dabei geht er besonders auf die immanente Kritik ein, die nach Greve aber immer noch keine objektive Begründung ihrer Maßstäbe liefern kann. Dabei bleibt er bei seiner Kritik relativ allgemein und geht noch nicht auf die speziellen Probleme der Beschaffenheit des Gegenstands der Sozialwissenschaften ein.

 

Sozialwissenschaften sind gekennzeichnet durch Strukturen begrenzter Reichweite.[21] Therapien, die in einem Fall zu einem weniger repressiven Zustand geführt haben, können in einem anderen Fall zu völlig anderen Ergebnissen führen, da die Situation und die Akteure verschieden sind. Während Therapie A bei Struktur A zu einem weniger repressiven Zustand geführt hat, könnte Therapie A bei Struktur B, aufgrund ihrer Verschiedenheit, zu völlig anderen Ergebnissen führen. Es wäre also unabdingbar die Theorie der Kritik mit einer Vielzahl von Brückenhypothesen zu ergänzen, damit die richtige Therapieform für die richtige Struktur gefunden wird. Struktur B braucht Therapie B. Brückenhypothesen haben in diesem Kontext jedoch eine Auflösung der inneren Konsistenz von Theorien zur Folge.[22] Dadurch erwächst der kritischen Theorie ein ähnliches Problem wie der Psychoanalyse. Wenn eine Therapie nicht den gewünschten Erfolg erzielt, so müsse dies weder heißen, dass die Therapie nicht funktioniere, noch das die (Teil)Gesellschaft nicht pathologisiert gehört. Es würde nur bedeuten, dass die Therapie nicht zur speziellen Struktur passe. Der Gesellschaftskritiker ist dann bei der Analyse des Ist-Zustandes nicht präzise genug gewesen und folgte nicht den heranzuziehenden Brückenannahmen oder aber es gibt Faktoren, für die noch keine Brückenannahmen formuliert wurden, obwohl es nötig wäre. Die Gesellschaft bleibt also so lange "fehlerhaft", bis Therapie A-Z oder besser eins bis unendlich gescheitert sind. Erst dann kann davon ausgegangen werden, dass es keinen weniger repressiven Zustand gibt. Solange dies nicht der Fall ist, ist lediglich die Therapieform falsch gewählt. Für den klassischen Psychoanalytiker bedeutet es einen großen (zeitlichen) Aufwand, wenn er seine Therapie, nach längerem ausbleiben von Erfolgen, an einer Über- statt Unterstimulation der Triebbefriedigung (z.B. in der oralen Phase) ausrichten muss. Wie groß ist jedoch der Aufwand für einen Gesellschaftskritiker, der bemerkt, dass seine Therapie keine Besserung erzielt hat und er folglich, aufgrund irgendwelcher gesellschaftlicher Faktoren (Alter, Bildung, soziale Netzwerke, internalisierte Normen etc.), andere Brückenannahmen verwendet haben müsste? 

 

Außerdem geht eine Therapie, ganz gleich ob sie ‚glückt‘[23] oder nicht, mit nicht intendierten Nebenfolgen einher. Problematisch ist das, weil die Folgen der Therapie, einer kritischen Theorie, die Kritik selbst rechtfertigen sollen. Bis zu welchem Punkt müssen die Nebenfolgen also mit herangezogen werden um die Kritik zu rechtfertigen? Ein Beispiel: Durch die französische Revolution ging der Einfluss des Adels stark zurück. Gleichheit und universelle Menschenrechte gewannen an Bedeutung. Gleichzeitig gewann das Kapital jedoch auch an Macht. Nicht selten wird die französische Revolution als ein Meilenstein der kapitalistischen Entwicklung verstanden.[24] Mit der kapitalistischen Entwicklung geht eine Struktur einher, die Resonanz und somit ein "gutes Leben" verhindert.[25] Ist diese Struktur nun weniger repressiv?

 

Eine Antwort auf diese Frage ist wissenschaftlich nicht begründbar. Dies stellt auch Greve dar, wie es schon Max Weber getan hat. Eine kritische Theorie kann ihre Maßstäbe objektiv nicht rechtfertigen und eine Sozialwissenschaft muss daher auf Gesellschaftskritik verzichten, um nicht an Wissenschaftlichkeit einzubüßen.

 

[1] Jens Greve: Gesellschaftskritik und die Krise der kritischen Theorie. In: Stephan Lessenich (Hg.) 2015: Routinen der Krise - Krise der Routinen. Verhandlungen des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier 2014, S. 1

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ders., S. 3

[5] Vgl. Ders., S. 3

[6] Vgl.  Ders., S. 3f.

[7] Vgl. Ders., S. 3

[8] Ders., S. 4

[9] Vgl. Ders. S. 3

[10] Ders. S. 3

[11] Ders., S. 4

[12] Vgl. Ders. S. 4

[13] Ders. S. 4

[14] Vgl. Ders. S. 4

[15] Ders. S. 5

[16] Ders., S. 6

[17] Ders. S.8

[18] Ders. S. 8

[19] Ders. S. 10

[20] Vgl. Weber, Max: Der Sinn der »Wertfreiheit« der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Winckelmann, Johannes [Hg.]. 6., erneut durchgesehene Auflage, Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 1985 (1. Auflage 1922)

[21] Vgl. Kelle, Udo: Strukturen begrenzter Reichweite und empirisch begründete Theoriebildung. Überlegungen zum Theoriebezug qualitativer Methodologie. S. 320

[22] Vgl. Ders. S. 321ff.

[23] Der Autor verwendet, mit Hinblick auf das zuvor genannte Argument, bewusst den Begriff ‚glückt‘.

[24] Vgl. Thamer, Hans-Ulrich: Die Französische Revolution. C.H.Beck; Auflage: 4 2013. S. 16

[25] Vgl. Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag; Auflage: 7. 2016. 

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