· 

Entwicklungshilfe verstärkt die Fluchtmigration

Betrachtet man die Flüchtlingskrise, so ist der herrschende Diskurs ganz klar. Menschen fliehen vor widrigen Lebensumständen. Das sind zum einen (bürger)kriegsähnliche Zustande. Aber auch große, existenzbedrohende Armut führt vermehrt zur Flucht. Die eine Gruppe wird als Flüchtlinge oder subsidiär Schutzbedürftige bezeichnet. Die zweite Gruppe jedoch vermehrt als Wirtschaftsflüchtlinge.

 

Gemein haben diese Menschen jedoch, dass in ihren Heimatländern eine Entwicklung stattgefunden hat, die ihnen das weitere Leben dort nicht möglich macht. In der Migrationsforschung wird von einem „Push“-Faktor gesprochen. Die Menschen werden durch die Umstände (Kriege oder Hungersnöte) aus ihrem Heimatland herausgetrieben. 

 

Als Lösung der Flüchtlingskrise wird immer wieder die Ursachenbekämpfung angeführt (Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung; vgl. Brot für die Welt). Länder in denen Krieg herrscht sollen stabilisiert werden.

 

Die Wirtschaftsflucht soll dadurch reduziert werden, dass die Herkunftsländer "Entwicklungshilfe" empfangen (vgl. ebd). Entwicklungshilfe soll die Wirtschaft in den Herkunftsländern zum Wachsen bringen und somit die Armut bekämpfen, die die Menschen zur Flucht treibt. Gleichzeitig soll durch die Entwicklungshilfe jedoch auch die Gefahrensituation reduziert und gewaltsame Auseinandersetzungen (wie Kriege) bekämpft werden.

 

Es wird kritisiert, dass gerade die Länder Afrikas die am stärksten unter Hunger leiden, nicht zu den wichtigsten Empfängerländern der deutschen Entwicklungshilfe gehören (Vgl. Dehmer et al. 2016). Deshalb fordert die deutsche Bundesregierung bessere Kreditmöglichkeiten für Afrika (Vgl. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 2018) und will auch die Summe der deutschen Entwicklungshilfe erhöhen  (Vgl. Handelsblatt 2017).

 

Die Frage die sich nun stellt ist ob Entwicklungshilfe tatsächlich dazu in der Lage ist die Fluchtursachen zu bekämpfen und die Migration so zu reduzieren. Empirisch gesehen ist das nämlich fraglich.

Wer flieht nach Deutschland?

Betrachtet man die Herkunftsländer der „Wirtschaftsflüchtlinge“, so sind es zumeist nicht die Länder, die am stärksten unter Armut leiden. Der Welthunger Index sieht die zentralafrikanische Republik als das ärmste Land der Welt, Tschad folgt auf Platz zwei (vgl. Welthunger-Index 2017). Nach dem Human Development Index sind Niger, Mosambik und die Demokratische Republik Kongo die ärmsten Länder der Welt (Vgl. UNDP 2016).

 

Betrachtet man nun aber die Flüchtlingszahlen, so zeigt sich, dass z.B. seit Anfang 2018 lediglich 15 Menschen aus dem Kongo Asyl in Deutschland beantragt haben. Im selben Zeitraum waren es 4 aus der zentralafrikanischen Republik, 49 aus Tschad und 48 Menschen aus Niger. Aus Nigeria haben hingegen 5141 Menschen Asyl in Deutschland beantragt (Vgl. bamf 2018).

 

Nigeria ist jedoch deutlich wohlhabender als Niger und der Bevölkerung geht es besser (vgl. Welthunger-Index 2017; vgl. UNDP 2016). Nigeria liegt darüber hinaus südlich von Niger und ist somit noch weiter von Deutschland entfernt. Auch wenn man in Rechnung trägt, dass Nigeria wesentlich mehr Einwohner hat als Niger, bleibt die Zahl der Asylsuchenden aus Nigeria relativ gesehen noch immer mehr als 10x so hoch wie die der Menschen aus Niger. Der entscheidende Unterschied zwischen Nigeria und Niger ist der höhere Entwicklungsstand Nigerias (Vgl. UNDP 2016).

 

Quelle: Infografik Die Welt

 

„Tatsächlich haben historische und ländervergleichende Untersuchungen gezeigt, dass in der Regel Auswanderung erst einmal zunimmt, wenn Länder durch Wirtschaftswachstum und entsprechend steigende Einkommen den Status eines „Low Income Country“ hinter sich lassen. Erst wenn sie den Status eines „Upper Middle Income Country“ erreichen, ist mit einer Abnahme der internationalen Migration zu rechnen.“ (Schraven/ Angenendt / Martin-Shields 2017).

 

Dieser Zusammenhang zwischen Entwicklung und Migration wird auch als „Migration hump“ bezeichnet ( Vgl. Schraven, / Angenendt / Martin-Shields 2017). Die Entwicklungshilfe führt also erst einmal nicht zu einer Abnahme der Migration, sondern zu einer Zunahme. Trotzdem versprach Merkel z.B. Niger eine Soforthilfe von 17 Millionen Euro. (Vgl. Sommerfeld 2016)

Hilft die Entwicklungshilfe den Menschen vor Ort?

Entwicklungshilfe scheint also nicht geeignet zu sein um die Migration zu reduzieren. Humanitäre Gründe, das Verbessern der Lebenssituation in den Empfängerländern, könnten die Entwicklungshilfe jedoch weiterhin rechtfertigen. 

 

Wenn die Menschen nun aber anfangen zu migrieren, so zeigt sich ein weiterer Widerspruch zu den herrschenden Diskursen. Es sind nicht „die ärmsten der Armen“ die fliehen, sondern die zu (mäßigem) Wohlstand gekommene Mittelschicht (vgl. Buber-Ennser et al. 2016). Die „Ärmsten der Armen“ haben einfach nicht das Geld um zu migrieren, auch dann nicht wenn ihre Heimatländer Entwicklungshilfe empfangen. Wenn nun aber die Mittelschicht abwandert, so verschwindet ein wichtiger Faktor zur Verbesserung der Lebenssituation. Denn eine starke Mittelschicht ist sehr wichtig für die Entwicklung eines Landes (Vgl. Zitelmann 2018, S. 60). Dieses Entwicklungspotential wird nun jedoch durch die Migration vernichtet. In diesem Zuge wird auch vom „Brain-Drain“, also dem „Absaugen von Potentialen" gesprochen (Vgl. Dodani/ LaPorte 2005).

 

Dies führt nun im Gesamten dazu, dass die Entwicklungshilfe nichts bringt. Rainer Zitelmann (2018, S. 41- 65) fasst die Nutzlosigkeit der Entwicklungshilfe treffend zusammen. Abdoulaye Wade, der ehemalige Präsident von Senegal (2000-2012) äußerte in einem Interview: „Ich habe noch nie erlebt, dass sich ein Land durch Entwicklungshilfe oder Kredite entwickelt hat“ (zitiert nach: Moyo/ Lorenzen 2012, S. 204) Die Ökonomin Dambisa Moyo spricht von Entwicklungshilfe als „Dead Aid“ und sieht in ihr eine weitere Quelle für die Not Afrikas. Insgesamt ist in Afrika nämlich nicht zu erkennen, „wo Wachstum eine direkte Folge von Entwicklungshilfe gewesen wäre“ (Moyo 2012, S. 58). Hingegen zeigt sich, dass Entwicklungshilfe sogar schadet.

 

„Den Empfängern der Hilfeleistungen geht es wesentlich schlechter. Entwicklungshilfe hat dazu beigetragen, dass die Armen noch ärmer wurden und dass sich das Wachstum verlangsamte […] Die Vorstellung, Entwicklungshilfe könnte systematische Armut mindern und habe dies bereits getan, ist ein Mythos. Millionen Afrikaner sind heute ärmer – nicht trotz, sondern aufgrund der Entwicklungshilfe“ (Moyo/ Lorenzen 2012, S. 58)

 

„Zudem schwächt die Entwicklungshilfe überall die lokalen Märkte und den Unternehmergeist, den wir so dringend brauchen“ (zitiert nach: Moyo/ Lorenzen 2012, S. 97f). Potentielle Unternehmer und die kaufkräftige Mittelschicht, die für die Stimulation der binnenwirtschaftlichen Nachfrage entscheidend sind, verlassen im Zuge des „Brain-Drain“ immerhin das Land. Dabei können gerade „Unternehmertum und die Entwicklung von Konsumentenmärkten […] der klarere, stabilere und wirksamere Treiber für einen langfristigen Fortschritt sein…“ (Mahajan 2009, S18)

 

Fazit

Insgesamt führt Entwicklungshilfe zumeist zu nicht intendierten, negativen Nebenfolgen, hilft jedoch nicht dort wo sie es eigentlich sollte (Vgl. Zitelmann 2018, S. 45).

 

 

Wer nun also behauptet, dass die Fluchtursachen von Wirtschaftsmigranten durch Entwicklungshilfe beseitigt werden könnten, der unterliegt einem großen Irrtum. Durch Entwicklungshilfe steigt die Migration an! Wer glaubt, dass die Entwicklungshilfe in den ärmsten Ländern dieser Welt hilft, der unterliegt einem ebenso großen Irrtum. Denn durch die Entwicklungshilfe wandert die Mittelschicht zunehmend ab. Diese wäre aber entscheidend zur Entwicklung des Landes. Der „Brain-Drain“ trocknet den Pool an ökonomischer Nachfrage und potentieller Unternehmer aus. Zurück bleibt ein Land, das noch ärmer ist als zuvor.

Literaturverzeichnis

  • Bamf (2018): Asylgeschäftsstatistik (01-05/18). Online verfügbar unter: http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/hkl-antrags-entscheidungs-bestandsstatistikl-kumuliert-2018.html?nn=1694460
  • Brot für die Welt. In: Flucht. Online verfügbar unter: https://www.brot-fuer-die-welt.de/themen/flucht/
  • Buber-Ennser, Isabella; Kohlenberger, Judith; Rengs, Bernhard; Al Zalak, Zakarya; Goujon, Anne; Striessnig, Erich et al. (2016): Human Capital, Values, and Attitudes of Persons Seeking Refuge in Austria in 2015. In: PloS one 11 (9),
  • Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In: Deutsches Engagement. Online verfügbar unter: https://www.bmz.de/de/themen/Sonderinitiative-Fluchtursachen-bekaempfen-Fluechtlinge-reintegrieren/deutsche_politik/index.jsp
  • Dehmer, D. / Scheffer, U. / Von Salzen, C. (2016): Wie können Fluchtursachen bekämpft werden? In: Tagesspiegel. Online verfügbar unter: https://www.tagesspiegel.de/politik/debatte-um-fluechtlinge-wie-koennen-fluchtursachen-bekaempft-werden/14530384.html
  • Dodani, S.; LaPorte, R. E. (2005): Brain drain from developing countries. How can brain drain be converted into wisdom gain? In: Journal of the Royal Society of Medicine 98 (11), S. 487–491.
  • Handelsblatt (2017): Merkel will Entwicklungshilfe aufstocken. In: Handelsblatt. Online verfügbar unter: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/haushaltsplan-merkel-will-entwicklungshilfe-aufstocken/19935820.html?ticket=ST-2278673-wW2h91XqhNz6jmjM3I3p-ap6
  • Infografik Die Welt (2016). Online Verfügbar unter: https://www.welt.de/politik/ausland/article158677064/Warum-die-wirklich-Armen-nicht-nach-Europa-fliehen.html#cs-lazy-picture-placeholder-01c4eedaca.png
  • Mahajan, V. (2009): Africa rising. How 900 million African consumers offer more than you think. Upper Saddle River, NJ: Wharton School Publ.
  • Moyo, D.; Lorenzen, H. (2012): Dead aid. Warum Entwicklungshilfe nicht funktioniert und was Afrika besser machen kann. Dt. Erstausg., 2. Aufl. Berlin: Haffmans & Tolkemitt.
  • Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (2018): Merkel zur Zusammenarbeit mit Afrika: "Mit Entwicklungspolitik Wirtschaft in Gang bringen". Laufende Nr.: 48. Online verfügbar unter: https://www.bundeskanzlerin.de/Content/DE/Pressemitteilungen/BPA/2018/02/2018-02-24-podcast.html
  • ENTWICKLUNG – MEHR MIGRATION? DER „MIGRATION HUMP“ UND SEINE BEDEUTUNG FÜR DIE ENTWICKLUNGSPOLITISCHE ZUSAMMENARBEIT MIT SUBSAHARA-AFRIKA. In: Analysen und Stellungnahmen 15/2017 German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) 2017 (15), zuletzt geprüft am 12.06.2018.
  • Sommerfeld, F. (2016): Warum die wirklich Armen nicht nach Europa fliehen. In: Die Welt. Online verfügbar unter: https://www.welt.de/politik/ausland/article158677064/Warum-die-wirklich-Armen-nicht-nach-Europa-fliehen.html
  • UNDP (2016): Human development for everyone. New York, NY: United Nations Development Programme (Human development report, 2016).
  • Welthunger-Index (2017). Online verfügbar unter: http://www.globalhungerindex.org/de/
  • Zitelmann, R. (2018): Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Eine Zeitreise durch fünf Kontinente. 1. Auflage.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0