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Möglichkeiten zur Veränderung von Arbeitsbedingungen durch das globale Produktionsnetzwerk

1. Einleitung

Die anhaltend schlechten Arbeitsbedingungen von Zulieferern aus der zweiten Welt sind ein Problem, das in der öffentlichen wie wissenschaftlichen Debatte immer wieder Aufmerk-samkeit findet. Der allgemeine Lösungsansatz, transnationale Unternehmen (TNU) dazu zu drängen, ihren Zulieferern mit Strafen zu drohen, wenn sie gewisse Arbeitsstandards nicht erfüllen, scheint jedoch nicht die erhoffte Verbesserung zu bewirken. Ein anderer Ansatz sieht vor durch eine gezielte Kooperation in den globalen Produktionsnetzwerken Lern- und Anpassungseffekte hervorzurufen, die wiederum eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen mit sich bringen könnten.

 

Das Netzwerk nicht nur, nicht mehr als Teil des Problems, sondern als Teil einer möglichen Lösung wahrzunehmen, scheint nicht zuletzt unter den Gesichtspunkten der sozialen Netzwerktheorie sehr vielversprechend. Diese geht davon aus, dass Netzwerke zwischen Akteuren, ganz gleich welcher Art, deren Verhalten beeinflussen. 

 

Unter dem Titel "Möglichkeiten zur Veränderung von Arbeitsbedingungen durch das globale Produktionsnetzwerk" werden in der vorliegenden Arbeit, auf Grundlage der Netzwerk-forschung, Hypothesen über die Auswirkung von Netzwerken auf Arbeitsbedingungen von Beschäftigten in Zulieferer Firmen in globalen Produktionsnetzwerken untersucht.

 

Um dies zu schaffen wird als erstes aufgezeigt, dass Arbeitsbedingungen aus den Werten und Normen von Organisationen entspringen, welche wiederum das Resultat der Sozialisation ihrer Mitglieder sind. Dies ist entscheidend um zu verstehen wie es überhaupt zu Arbeitsbedingungen und deren Wandel kommt. Im zweiten Schritt wird die soziale Netzwerktheorie mitsamt ihren zentralen Aussagen und Erklärungsmuster skizziert, um als weiterer theoretischer Rahmen zu dienen. Schließlich werden Forschungsergebnisse zur Netzwerktheorie dahingehend analysiert inwieweit sie erklären kann durch welche Netzwerkstrukturen und relationalen Beziehungen sich Arbeitsbedingungen bei Zulieferern von transnationalen Unternehmen verändern, um daraus Hypothesen für die weitere Forschung abzuleiten. Abschließend folgt eine Konklusion der Ergebnisse mit kritischer Betrachtung und Ausblicken für weitere Untersuchungen.

2. Arbeitsbedingungen als Resultat der Weltsicht

Die Bedingungen unter denen Beschäftigte arbeiten sind als Artefakte und Verhaltensweisen das Resultat von Wertvorstellungen und Verhaltensanweisungen, welche wiederum aus den Basisannahmen darüber, wie die Welt zu sehen ist, resultieren (Schein 2004, S. 25-27). Sollen nun die Möglichkeiten zur Veränderung von Arbeitsbedingungen aufgezeigt werden, so ist es die eigentliche Aufgabe die Optionen zur Veränderung der Wertvorstellungen oder Sicht auf die Welt zu untersuchen. Die Analyse der Prozesse die zur Bildung einer Weltsicht führen, ist das Ziel dieses Kapitels.

 

Die Weltsicht eines Menschen, oder das Alltagswissen, das er über das "so-sein" der Welt verinnerlicht hat ist das Resultat der Internalisierung des Alltagswissen seiner Umwelt und insbesondere seiner signifikanten Anderen (Berger/Luckmann 1980, S. 141). Die Internalisierung erfolgt allen voran über die primäre Sozialisation. Ein Individuum bekommt von seinen signifikanten Anderen mitgeteilt wie die Welt funktioniert. "Gesellschaft, Identität und Wirklichkeit sind subjektiv die Kristallisation eines einzigen Internalisierungsprozesses" (Berger/Luckman 1980, S. 144), der Verinnerlichung der Weltsicht der signifikanten Anderen. "Die erste Welt des Menschen wird also in der primären Sozialisation konstruiert" (ebd. S. 146).

 

Die Bildung der Weltsicht ist mit der primären Sozialisation zwar in sich konsistent (vgl. Berger/Luckman 1980, S.146), dennoch kommt in jeder arbeitsteiligen Gesellschaft noch die sekundäre Sozialisation hinzu (vgl. ebd. S.148). Die sekundäre Sozialisation, ist "der Erwerb von rollenspezifischem Wissen (...), wobei die Rollen direkt oder indirekt von der Arbeitsteilung herkommen“ (ebd. S. 149). Anders als bei der primären Sozialisation, sind für die Sekundären keine signifikanten Anderen, sondern institutionelle Funktionäre beteiligt, deren Aufgabe es ist spezielles Wissen zu vermitteln (vgl. Berger/Luckman 1980, 152). Dieser zweite Sozialisations-prozess, der unter anderem im Arbeitsleben selbst erfolgt, sollte jedoch nicht von den Grundstrukturen der primären Sozialisation abweichen (Berger/Luckmann 1980, S. 141), da das Individuum bereits ein geprägtes Selbst besitzt und eine Weltsicht verinnerlicht hat (vgl. Berger/Luckmann 1980, S. 150). Im Prozess der sekundären Sozialisation gilt: "Welche neuen Inhalte auch zu internalisieren sind, irgendwie muss die schon vorhandene Wirklichkeit überlagert werden. So kommt es zum Problem der Verschränkung von ursprünglichen und hinzukommenden Internalisierungen."(Berger/Luckman 1980, S.150). Um neue Wissensbestände in die Weltsicht von Individuen zu integrieren bedarf es theoretischer Konstruktionen, die Zusammenhänge zwischen den Internalisierungen aus primärer und sekundärer Sozialisation herstellen (vgl. Berger/Luckman 1980, S. 151). Zu dem Wissen, das durch Sozialisationsprozesse verinnerlicht wird, gehört auch "'Wissen' um Normen, Werte und sogar Gefühle" (Berger/Luckmann 1980, S.81). Es wird also nicht nur verinnerlicht was objektiv wahr, sondern auch was normativ richtig ist. Veränderungen der Weltsicht durch Akteure in globalen Produktionsnetzwerken, sind Prozesse sekundärer Sozialisation. Die anderen Akteure sind für das Individuum institutionelle Funktionäre, die spezielles (Rollen)wissen vermitteln. Die theoretischen Konstrukte die nötig sind um neue Wissensbestände in das Alltagswissen zu integrieren, legitimieren die Internalisierung des vermittelten Wissens. Ein Beispiel hierfür könnte das Effizienzversprechen gewisser Verfahren sein, die andere institutionelle Funktionäre schon vollführen. Effizienzbestrebungen müssten in diesem Fallbeispiel jedoch zur bereits internalisierten Weltsicht gehören.

 

Ein Individuum internalisiert jedoch nicht nur rollenspezifisches Wissen und das Alltagswissen seiner signifikanten Anderen, sondern externalisiert sein subjektives Wissen, auch und gibt es so an seine Umwelt weiter (vgl. Berger/Luckmann 1980, S.139). Der Prozess der Externalisierung erfolgt über symbolische Sinnsysteme (vgl. ebd. 36ff.). Das Individuum veräußert so z.B. über Sprache, (Schrift)zeichen oder aber auch durch Bedingungen unter denen gearbeitet werden muss, seine Weltsicht. Schlechte Arbeitsbedingungen können in diesem Zuge z.B. aus einer Weltsicht resultieren, die die Arbeitsbedingungen als ein notwendiges Übel zum utilitaristischen Wohl ansieht, oder aber als normativ richtig betrachtet, da ein Menschenleben nicht besonders viel Wert sei und schlechte Arbeitsbedingungen Kostenersparnisse bedeuten, was wiederum viel Wert sein könnte. An dieser Stelle sei auch noch einmal darauf hingewiesen, dass auch die Bestimmung von schlechten Arbeitsbedingungen sozial konstruiert sind. Arbeitsstandards die in der westlichen Gesellschaft nach "objektiven" Maßstäben erschreckend zu sein scheinen, können unter einer anderen Weltsicht betrachtet vorbildlich sein.

Das externalisierte Wissen wird durch Verinnerlichung der Gesellschaft zu objektivem Wissen. "Die Beziehung zwischen dem Menschen als dem Hervorbringer und der gesellschaftlichen Welt als seine Hervorbringung" (Berger/Luckmann 1980, S. 65) ist dialektisch. Die Gesellschaft formt den Menschen und der Mensch formt wiederum die Gesellschaft. Am Beispiel der Arbeitsbedingungen könnte das ganze wie folgt lauten: Durch die Internalisierung verinnerlicht ein Individuum das objektive Wissen um Wertvorstellungen und Arbeitsnormen seiner Gesellschaft. Dadurch, dass das Individuum diese Normen für richtig hält, wird es unter den vorhandenen Arbeitsbedingungen arbeiten. Dadurch externalisiert das Individuum die Arbeitsnorm, während seine Kollegen die Arbeitsnormen weiterhin verinnerlichen, "immerhin machen es ja alle so". Dadurch wird diese Norm objektiviert. Wichtig ist dabei zu beachten, dass Internalisierung, Externalisierung und Objektivation nicht nacheinander, sondern nebeneinander ablaufen (vgl. Berger/Luckman 1980, S. 139). Das Subjekt internalisiert das objektive Wissen jedoch nicht komplett (vgl. ebd. S. 175). Es gibt immer eine Differenz zwischen subjektiv internalisiertem Wissen und objektivem Wissen der Gesellschaft. Auf diese Weise lässt sich auch der gesellschaftliche Wandel erklären. Das internalisierte Wissen ist weder von Subjekt zu Subjekt, noch von Generation zu Generation identisch. Ebenso kann das externalisierte Wissen nicht dasselbe sein, dass die vorangegangene Generation, oder ein anderes Subjekt veräußert hat. So wandelt sich auch das objektive Wissen der Gesellschaft.

 

Treten in einer Gesellschaft nun aber dennoch mehrere, voneinander stark abweichende, Wirklichkeitsbestimmungen in Konkurrenz zueinander, so wird sich die Wirklichkeits-bestimmung der Gruppe durchsetzen, die den "derberen Stock", also die größere Macht besitzt (vgl. ebd. S. 117). "Macht in der Gesellschaft schließt die Macht ein, über Sozialisations-prozesse zu verfügen, und damit die Macht, Wirklichkeit zu setzen."(Berger/Luckmann 1980, S. 128). Das heißt der Wandel der Weltsicht und somit auch der Wandel von Wertvorstellungen und schließlich der Arbeitsbedingungen, als Resultat dessen, erfolgt sobald eine mächtigere Gruppe eine andere Wirklichkeitsbestimmung in die bestehende Gesellschaft externalisiert, die Mitglieder der Gesellschaft die alternative Wirklichkeitsbestimmung internalisiert und das neue Wissen schließlich als objektiv richtig gilt. 

 

In diesem Sinne bildet die Kooperation von Endherstellern und Zulieferern das aufeinander treffen zweier Weltsichten. Die Arbeitsbedingungen der Endhersteller können, nach unseren Maßstäben, als superior bewertet werden und demnach sind auch die Wertvorstellungen und die Weltsicht der Endhersteller andere als die der Zulieferer. Durch die Kooperation der globalen Produktionsnetzwerke treten nun Mitglieder von Gesellschaften mit verschiedenem Alltagswissen in Interaktion. Zu bestimmen unter welchen Voraussetzungen sich die Weltsichten beider Parteien aneinander angleichen und zu bestimmen welcher Akteur den „derberen Stock“ und somit die Macht über die Wirklichkeitsbestimmung besitzt, wird in dieser Arbeit unter Berücksichtigung der sozialen Netzwerktheorie aufgezeigt. Die Skizzierung der Netzwerktheorie im Allgemeinen ist im folgenden Kapitel zu finden.

3. Die soziale Netzwerktheorie

Die soziale Netzwerktheorie gilt als eine der jüngeren Organisationstheorien (vgl. Ebers/Maurer, 2014 S. 387). Dabei ist ihr Gegenstand, das Erklären von Akteurs Verhalten auf Grundlage des Netzwerks von Beziehungen (z.B. Vertrags- oder Freundschaftsbeziehungen) zwischen den Akteuren (z.B. Individuen, Organisationen, Nationen), keinesfalls neu (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 386f.). Bereits um 1900 erklärten Georg Simmel oder Emile Durkheim in der Tradition von August Comte wie sich, durch die Einbettung von Individuen in soziale Kontexte, soziale Handlungen erklären lassen (S. 387).

 

Unter dieser Prämisse ist es nicht verwunderlich, dass die soziale Netzwerktheorie besonders durch den Dialog zwischen Ökonomie und Soziologie in der Organisationsforschung an Bedeutung gewann und diese auch behielt (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 388.). In den 1970er Jahren übernahm die Soziologie die dominante Stellung in dieser interdisziplinären Zusammenarbeit (Borgatti/Foster 2003, S.1000)."...all economic behavior is necessarily embedded in larger social context..." (Borgatti/Foster 2003, S.994). Max Weber bezeichnete das "Soziale" in diesem Sinne als "ökonomisch Relevant" (1904, S. 39). Als "ökonomisch bedingt" bezeichnet Weber wiederum die Tatsache, dass ökonomische Sachverhalte ihren Einfluss auch auf das "Soziale" ausüben (ebd.). Alle gesellschaftlichen Phänomene sind nach Weber schließlich "ökonomisch relevant" und "ökonomisch bedingten" zugleich (ebd.), was eine gewisse Dialektik deutlich macht. Das "Soziale" wirkt nicht nur auf das "Ökonomische" und das "Ökonomische" auf das "Soziale", stattdessen ist das "Soziale" auch ökonomisch relevant und bedingt und das "Ökonomische" sozial relevant und bedingt.  

 

Die selbe Dialektik findet sich auch in der Netzwerktheorie wieder, was diesen Ansatz für Ökonomen wie Soziologen attraktiv macht. "die Art der Beziehung zwischen Akteuren, die Struktur ihres Beziehungsnetzwerkes und/oder ihre strukturelle Position im Beziehungs-netzwerk (besitzen) einen bedeutenden Einfluss auf das Verhalten der Akteure und dessen Ergebnisse..." (Ebers/Maurer 2014, S. 386). Im Umkehrschluss haben dann aber diese Ergebnisse und das resultierende Verhalten der Akteure einen Einfluss auf die Art der Beziehungen zwischen Akteuren, die Struktur ihres Netzwerks und ihre Position in diesem (vgl. Nahapiet/Ghoshal 1998, S. 245, S. 250 und 258f.). Jedes Element dieses Ansatzes, ob die Art oder Struktur des, oder die Position im Beziehungsnetzwerks, das Verhalten der Akteure, oder das daraus resultierenden Ergebnis, ist sowohl ökonomisch und sozial, bedingt und relevant.

 

Inhaltlich bietet die soziale Netzwerktheorie zwei grundlegende Erklärungsmuster für das Verhalten und die Ergebnisse die aus den Netzwerken resultieren. Ein Strukturelles und ein Relationales (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 392; Borgatti/Foster 2003, S. 1002f.). Das Erklärungs-muster der strukturellen Einbettung ist

"…focussiert auf die Struktur [...] eines Netzwerks, d.h. auf strukturelle Muster der Netzwerkverbindung zwischen Akteuren oder auf deren strukturelle Position innerhalb eines Netzwerks, [...] unabhängig von den konkreten Inhalten dieser Verbindung. So können Netzwerke beispielsweise mehr oder weniger eng geknüpft sein und Netzwerkakteure selber können eine mehr oder weniger zentrale Position innerhalb eines Netzwerks einnehmen."(Ebers/Maurer 2014, S. 392)

Die relationale, oder auch connectionistische (vgl. Borgatti/Foster 2003, S. 1002f.) Einbettung betrachtet im Gegensatz dazu

"…den Inhalt der untersuchten Beziehung, d.h. Das, was inhaltlich von einem zum anderen Akteur übermittelt wird oder die Art der Beziehung, d.h. Wie die Beziehung gestaltet ist. Die Inhalte können sich dabei zum einen auf die Ressourcen eines Netz-werkpartners(Alter) beziehen, auf die ein Netzwerkakteur(Ego) aufgrund seiner Beziehungen zu Alter zugreifen kann (resourceful alter), wie beispielsweise Informationen oder Status. Die Art der Beziehung kann beispielsweise durch Vertrauen, Reziprozität zwischen Ego und Alter gekennzeichnet sein (Gabay/Leenders 2001)."(Ebers/Maurer 2014, S. 392)

Die Wirkung der Einbettung ist dabei das zentrale Erkenntnisinteresse der sozialen Netzwerktheorie (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 392). Diese wird wieder in zwei Kategorien unterteilt. Zum einen die Erklärung von Erfolg und zum anderen die von Ähnlichkeit (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 392; vgl. Borgatti/Foster 2003, S. 1001f.) Bei dem Fokus auf den Erfolg der Akteure

"steht die Frage im Mittelpunkt wie die Einbettung in Netzwerke das Akteursverhalten und dessen Ergebnisse fördern oder auch behindern. In dieser Tradition kann die Einbettung in ein Netzwerk auch als soziales Kapital bezeichnet werden (Adler/Kwon 2002; Nahapiet/Ghoshal 1998). Dies umfasst die aktuellen und potentiellen Vorteile und Chancen, die Akteuren aus dem Zugriff auf Ressourcen ihrer Netzwerkpartner erwachsen können (Gabbay/Leenders 1999; Nahapiet/Ghoshal 1998)." (Ebers/Maurer 2014, S. 392)

Hierbei liegt der Fokus auf dem Nutzen den eine Einbettung für einen Akteur haben kann, auf den dadurch ermöglichten Handlungen und dem daraus resultierenden Erfolg (ebenda). 

 

Bei der Schwerpunktsetzung der Ähnlichkeit als Erkenntnisinteresse steht "die Frage im Mittelpunkt wie die Einbettung von Akteuren in Netzwerke dazu beiträgt, dass die Akteure ähnliche Einstellungen, Werte oder Praktiken entwickeln und verfolgen (Borgatti/Foster 2003)."(Ebers/Maurer 2014, S. 392). Aus den Überlegungen zu den Erklärungsmustern und Erkenntnisinteresse entwickelten Borgatti und Foster (2003 S. 1003f.) eine ordnende vier Felder Matrix.

 

Abbildung 1. Vier-Felder-Matrix der Erkenntnisinteressen und Erklärungsmuster der Netzwerktheorie

(Ebers/Maurer 2014, S.393)

 

Dem ersten Quadranten dieser Matrix werden Studien zugeordnet, die durch relationale Erklärungsmuster und dem Erkenntnisinteresse des Erfolgs, die Bedeutung der Netzwerk-beziehung für den "Ressourcenzugang" untersuchten (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 393; vgl. Borgatti/Foster 2003, S. 1004).

Im zweiten Quadranten finden sich Studien, die den Erfolg von Akteuren in Abhängigkeit von der Struktur ihres Netzwerks untersuchen. Dabei ist die "Reichweite" ihres Netzwerks zur Erklärung ihres Erfolgs entscheidend (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 395; vgl. Borgatti/Foster 2003, S. 1004).

 

Im dritten Quadranten sind erstmals Studien zu finden, deren Interesse die Erklärung von Ähnlichkeit in Netzwerken ist. Das Erklärungsmuster ist bei Studien dieses Sektors strukturell ausgerichtet und die Studien nutzen den Mechanismus der "Konvergenz" (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 397f.; vgl. Borgatti/Foster 2003, S. 1004f.).

 

Studien im vierten Quadranten untersuchen die Ähnlichkeit von Akteuren mithilfe relationaler Erklärungsmuster. Dabei wird die Diffusion von z.B. Werten, Normen und Verhaltensweisen als ein Resultat der direkten "Ansteckung" durch Interaktionen im Netzwerk gewertet. (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 399; vgl. Borgatti/Foster 2003, S. 1005).

 

Im folgenden Kapitel werden die grob skizzierten Erklärungsmuster der Netzwerktheorie dahingehend untersucht, inwieweit sie zur Veränderung der Arbeitsbedingungen von Beschäftigten nutzbar gemacht werden können, die über ihre Zulieferer Firmen in globale Produktionsnetzwerke eingebettet sind. 

4. Einfluss des Netzwerks auf die Arbeitsbedingungen

Um den Einfluss des sozialen Netzwerks auf die Arbeitsbedingungen zu untersuchen eignen sich allen voran die Theorien und Studien zur Ähnlichkeit von Unternehmen. Unter der allgemeinen Annahme, dass die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten der Endhersteller im globalen Produktionsnetzwerk andere sind als die der Zulieferer aus der zweiten Welt, und dass diese, wie in Kapitel 2. gezeigt wurde, das Resultat eines Wertehorizonts und einer Weltsicht bzw. eines Alltagswissens sind, so können Studien oder Theorien, die Auskunft über das Angleichen von Werten geben, indizieren, dass sich, zumindest über lange Sicht, auch die Arbeitsbedingungen aneinander angleichen werden. Dasselbe gilt für die Übernahme von Verhaltensweisen, denn Verhaltensweisen (re)produzieren Alltagswissen, welches wiederum andere Werte und Normen schafft, was wiederum auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten wirkt.

 

Ein Beispiel hierfür wäre die Übernahme ganzheitlicher Produktionsverfahren. Durch den Prozess der sekundären Sozialisation würde ein Mitglied des Managements einer Zuliefererfirma etwas von Managern anderer Unternehmen im Netzwerk über seine Rolle lernen. Mithilfe theoretischer Konstruktionen, z.B. Statistiken über die Effizienz ganzheitlicher Produktionssysteme, können diese in das Alltagswissen integriert werden. Durch die Übernahme würde ein Bedarf an Kompetenzen der Beschäftigten steigen. In dessen Folge sich das „Wissen“ des Managements, den Beschäftigten gegenüber wandeln würde. Denn die Beschäftigten wären nicht mehr einfach auszutauschende „Rädchen“, sondern besäßen individuelle Kompetenzen, die möglichst effizient von dem Unternehmen genutzt werden sollen (Dimension des Alltagswissens). Es würde also ein Interesse unter dem Management erwachsen die Arbeitskraft zu erhalten und an das eigene Unternehmen zu binden (Dimension der Werte). Verbesserte Arbeitsbedingungen wären die Folge. Das geänderte Verhalten den Beschäftigten gegenüber würde auch das „Wissen“ verändern, das diese über sich selbst haben. Derselbe dialektische Prozess von der (Re)produktion von „Wissen“, Werten und Normen und Verhalten, aber auch der Internalisierung, Externalisierung und Objektivierung des „Wissens“, wäre das Resultat.

 

In diesem Kapitel wird im weiteren Verlauf aufgezeigt welche Netzwerkstrukturen und Relationen dazu neigen die Arbeitsbedingungen in der soeben skizzierten Weise zu verändern. Dabei ist zu berücksichtigen, dass verschiedene Arten des Angleichens möglich wären. Die komplette Übernahme des Alltagswissens der Endhersteller wäre die eine idealtypische Maxime und die der Zulieferer die andere. Deshalb wird auch darauf geachtet in welcher Weise, bzw. „Richtung“ die Strukturen und Relationen der Netzwerke den Transfer der Werte und Weltsichten begünstigen.

 

4.1 Relationale Dimension

Betrachtet man die relationale Dimension von Netzwerken um die Ähnlichkeit von Akteuren zu erklären, wird die Forschung zum Quadranten der Ansteckung gezählt (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 399). Im Folgenden werden Studien und Theorien, die diesem Quadranten zugeordnet werden können analysiert um daraus Hypothesen darüber abzuleiten, wie ein globales Produktionsnetzwerk die Arbeitsbedingungen der Netzwerkakteure beeinflussen kann.

 

Macht

Die Forschung hat ergeben, dass ein Ungleichgewicht an Macht zwischen Akteuren in einem Netzwerk die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Akteur mit weniger Macht sich Handlungen von Akteuren mit mehr Macht aneignet (vgl. Türker/Altuntas 2014, S. 1184). Je stärker ein Akteur von einem anderen abhängig ist, so die Hypothese von Dimaggio und Powel, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser in der Struktur, Kultur und im Verhalten, an den mächtigeren Akteur angleicht (1983, S. 154). Daraus resultiert für die Möglichkeit eines Netzwerks die Arbeitsbedingungen eines Akteurs zu verändern:

 

Hypothese 1: Je abhängiger ein Akteur von einem anderen ist, desto wahrscheinlicher wird dieser die Werte und Normen des Anderen übernehmen und seine Arbeits-bedingungen angleichen.

 

Jedoch scheint ein Ungleichgewicht an Macht, empirisch betrachtet, auch die Arbeitsintensität des Akteurs mit weniger Macht zu intensivieren (Vgl. Hadjivassiliou 2011, S. 51ff.), was wiederum eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zur Folge haben könnte. Es konnte auch festgestellt werden, dass Akteure mit mehr Macht, eher dazu neigen ihren weniger mächtigen Netzwerkpartnern gegenüber unethisches Verhalten an den Tag zu legen (Vgl. Brass et al. 1998, S. 19). Dies macht es fraglich ob ein Machtungleichgewicht zwischen Akteuren überhaupt dazu neigt Arbeitsstandards zu verbessern, oder ob das resultierende unethische Verhalten überwiegen würde. Brass et al. gibt darauf die Antwort, dass der moralische Charakter des mächtigeren Akteurs hierüber entscheidet (Vgl. 1998 S. 19). Sollte die Macht-Differenz in globalen Produktionsnetzwerken also nicht zu besseren Arbeitsbedingungen führen, obwohl der mächtigere Akteur bessere Arbeitsbedingungen bietet, könnte dies auch ein Indiz auf gewisse Charakterzüge des Endherstellers sein.

 

Die Variable der Macht nimmt eine Sonderstellung unter den Variablen Erklärungsdimensionen ein, da sie angibt welcher Akteur in einem Netzwerk aus Beziehungen den „derberen Stock“ besitzt und folglich über die Wissensbestimmung entscheiden kann. Dadurch wird die „Richtung“ des Angleichens der Arbeitsbedingungen bestimmt, was für die Möglichkeiten einer Veränderung von Arbeitsbedingungen von hoher Relevanz ist. 

 

Stärke

Die Stärke einer Beziehung beruht auf Reziprozität und Verlässlichkeit (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 394). „Diese positiven Erwartungen können sich auf die Fähigkeiten des jeweiligen Austauschpartners beziehen, dessen Absichten oder generelle Integrität (Das/Teng 2001; Mayer/Davis/Schoorman 1995; Nooteboom 2002)“ (Eber/Maurer 2014, S. 394). Starke Beziehungen transferiere vor allem auch komplexe Ressourcen, wie Wissen (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 394). Dazu zählt auch das (Rollen)wissen, dass in Prozessen der sekundären Sozialisation vermittelt wird und das Wissen über theoretischen Konstrukte, die für eine Übernahme der Weltsicht erforderlich sind. Studien konnten in diesem Sinne zeigen, dass Akteure dessen Beziehungen als sehr schwach eingestuft wurden, keinen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen des anderen nehmen (vgl. Hadjivassiliou 2011, S. 54). Allgemein kann davon ausgegangen werden, dass die Stärke der Beziehung mit der Stärke des Einflusses, den Unternehmen aufeinander ausüben, korreliert (vgl. Friedkin/Johnsen 1990, S. 200). Die Stärke des Einflusses korreliert wiederum mit der Wahrscheinlichkeit der Übernahme von Werten, Normen, Strukturen und/oder Verhaltensweisen (vgl. Miles et al. 2011 S. 30; Brass et al. 1998 S. 18). Daraus resultiert:

 

Hypothese 2. Je stärker die Beziehung zwischen Akteuren ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Werte und Normen zwischen Akteuren angleichen und sich in dieser Folge auch die Arbeitsbedingungen angleichen.

 

Nahapiet und Ghoshal erläutern, dass durch eine starke Beziehung (in Form von Vertrauen) mehr Interaktionen geschehen (vgl. 1998, S. 254).

 

 

 

 

Interaktionshäufigkeit

Je öfter Akteure miteinander interagieren, desto stärker ist der Einfluss, den sie aufeinander haben (vgl. Hadjivassiliou 2011, S. 51ff.) und desto wahrscheinlicher gleichen sie sich in Struktur, Kultur und im Verhalten aneinander an (Vgl. Dimaggio/Powel 1983, S. 155). Miles et al. weist auch darauf hin, dass gemeinsame Interaktionen auch einen direkten Einfluss auf geteilte Werte haben (2011 S. 221). Je mehr Interaktionen zwei Akteure miteinander tätigen, desto größer ist ihre Übereinkunft bei Normen, Werten und Strukturen (vgl. Krackhardt/Kilduff 2002, S. 287f.). Je mehr Akteure miteinander interagieren, desto mehr Wissen können sie externalisieren, woraus folgt:

 

Hypothese 3a. Je öfter Akteure miteinander interagieren, desto ähnlichere Werte und Normen und folglich auch Arbeitsbedingungen haben sie.

 

Borgatti und Foster erläutern ebenfalls, dass sich Akteure durch Interaktionen angleichen (vgl. 2003, S. 997). Gleichheit schafft dann jedoch durch Gründe der Homophilie mehr Interaktionen (vgl. ebd. S. 999), wodurch sich Akteure immer stärker angleichen müssten. Sofern sich die Theorie bestätigt, müsste eine regelmäßige Interaktionsgrundlage, z.B. ein Lehr- und Lernverhältnis, Isomorphie stark begünstigen.

 

Hypothese 3b. Je ähnlicher Akteure in einem globalen Produktionsnetzwerk sind, desto öfter treten sie miteinander in Interaktion.

 

 

Da starke Beziehungen viele Interaktionen hervorbringen, diese wiederum zu Gleichheit führen und Gleichheit die positiven Erwartungen in Absichten, Fähigkeiten und Integrität bzw. die Beziehung stärkt, scheint eine hohe Korrelation zwischen diesen Variablen zu existieren. Inwiefern die theoretische Trennung sich empirisch bewähren wird, bleibt abzuwarten.

 

4.2 Strukturelle Dimension

Die strukturelle Dimension der Netzwerktheorie erklärt Ähnlichkeit durch die Struktur des Netzwerks und die Position der Akteure in diesem. Laut einigen empirischen Studien scheint die strukturelle Dimension, was die Erklärung von Ähnlichkeit angeht, einen stärkeren Einfluss zu haben, als die relationale Dimension (vgl. Ebers/Maurer 2014 S. 400). In modernen Studien werden jedoch beide Erklärungsmuster herangezogen (ebenda.). In jedem Fall ist die Berücksichtigung der strukturellen Dimension von Vorteil, wenn die Möglichkeiten globaler Produktionsnetzwerke, zur Veränderung der Arbeitsbedingungen von Zulieferern aus der zweiten Welt, untersucht werden sollen. Forschung zur strukturellen Erklärung von Ähnlichkeit zwischen Akteuren kann auch der neoinstitutionalistischen Isomorphieforschung zugeordnet werden (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 398).

 

Position

Zentralität, als Beschreibungsmerkmal der Position eines Akteurs misst die Anzahl an Verbindung die ein Akteur im Netzwerk mit anderen Akteuren besitzt (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 390). Je zentraler ein Akteur in einem Netzwerk ist, desto eher neigt er dazu Praktiken zu übernehmen, die bei den anderen Akteuren bereits etabliert sind (vgl. Davis 1991, S.610; vgl. Türker/Altuntas 2014, S. 1183). Eine rechte frühe Übernahme der Praktiken scheint auch die Zentralität der Akteure zu sichern (vgl. Davis 1991, S.610). Die Bedeutung der Meinung anderer Akteure für einen zentralen Akteur scheint besonders hoch zu sein, denn ein zentraler Akteur neigt weniger dazu Verhalten zu zeigen, dass von seinen Netzwerkpartnern als unethisch betrachtet wird (vgl. Brass et al. 1998, S. 22). Die Zentralität des Akteurs hat zudem einen direkten Einfluss auf die Wahrnehmung der Arbeitsbedingungen (vgl. Ibara et al. 1993), was nur mehr den Einfluss des Alltagswissens, der anderen Netzwerkakteure, auf die Wahrheitsbestimmung, wie er in Kapitel 2. impliziert wurde, bestätigt. Eine direkte Veränderung der Werte könnte also auch erklären, warum zentrale Akteure weniger zu unethischem Verhalten neigen. Durch die zentrale Position bekommt der Akteur von vielen anderen Akteuren Wissen vermittelt, welches er internalisieren kann. Daraus folgt:

 
Hypothese 4: Je zentraler ein Akteur im globalen Produktionsnetzwerk ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass er seine Arbeitsbedingungen an die Bedingungen seiner Netzwerkpartner angleicht.  

 

Verbindet ein Akteur andere Akteure in einem Netzwerk, die ansonsten nicht verbunden wären, so spricht man von einer Mittler- oder Brückenposition. Eine solche Position verleiht einem Akteur einen Machtvorteil im Netzwerk (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 390). Bedenkt man nun, dass Macht darüber entscheidet welche Wirklichkeitsbestimmung sich durchsetzt, folgt daraus: 

 

Hypothese 5: Akteure gleichen ihre Arbeitsbedingungen mit höherer Wahrscheinlichkeit den Akteuren in Brückenpositionen an. 

Dichte

Dichte beschreibt „…das Ausmaß der Verbundenheit der Akteure im Netzwer...“ (Ebers/Maurer 2014, S. 389). Eine gewisse Dichte im Netzwerk ist dafür nötig, dass sich Akteure aneinander angleichen (vgl. Brueckner/Smirnov 2004, S.21f.). Dimaggio und Powel (1983, S. 155) erläuterten zudem, dass auch bei Managern eine gewisse Dichte im Netzwerk mit anderen Managern dazu führt, dass die Manager Praktiken, die in den Organisationen ihrer Kollegen bereits etabliert sind, übernehmen. Je stärker sie in das Netzwerk eingebettet sind, je dichter das Netzwerk ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für eine Übernahme. Das triadische Beziehungen einen stärkeren Einfluss ausüben als diadische, implizierte schon Georg Simmel (1950). Krackhardt und Kilduff zeigten, dass dies auch für den unternehmerischen Kontext gilt (2002, S. 286ff.). Auch die Dichte eines sozialen Netzwerks hat einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Arbeitsbedingungen (vgl. Ibara et al. 1993). Je dichter ein Netzwerk ist, desto mehr Internalisierungs-, Externalisierungs- und Objektivierungsprozesse treten ein. Daraus lässt sich ableiten:


Hypothese 6: Je dichter das globale Produktionsnetzwerk ist, desto ähnlicher werden die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten sein.

 

Es ist jedoch zu bedenken, dass die Art der Akteure, zu denen Kontakt gehalten wird, einen Einfluss darauf haben, ob z.B. Praktiken, Verhaltensweisen o.ä. übernommen werden. So schreiben Brueckner und Smirnov (2004, S. 21f.): „If the intensity of interactions with acquaintances becomes endogenous, convergence (when it occurs) is slowed when agents prefer to interact with people like themselves and hastened when interaction with dissimilar agents is preferred.“.  Eine starke „In-Group“ Einbindung reduziert auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Akteur externe Werte und/oder Verhaltensweisen übernimmt (vgl. Brass 1998, S.24). Borgatti und Foster sprechen von dieser Inflexibilität die aus Netzwerken resultieren kann auch von der „dunklen Seite“ des sozialen Kapitals (vgl. 2003, S 994.). Daraus folgt:


Hypothese 7: Je dichter das Netzwerk an Beziehungen zu anderen Netzwerkakteuren ist, die dieselbe Weltanschauung teilen, desto unwahrscheinlicher ist die Übernahme externer Werte und die Veränderung der Arbeitsbedingungen.

 

 

Es wurde also gezeigt, dass Netzwerke sowohl durch ihre Struktur, als auch durch die Art der Beziehungen im Netzwerk selbst, einen Einfluss auf die Veränderung von Arbeitsbedingungen haben. Sollten die Hypothesen bestätigt werden, ermöglicht dies Vorhersagen darüber zu treffen, welche Auswirkungen spezielle Produktionsnetzwerke auf die Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten haben.

5. Konklusion

In der vorliegenden Arbeit wurden die Möglichkeiten globaler Produktionsnetzwerke, zur Veränderung der Arbeitsbedingungen von Zulieferern aus der zweiten Welt, untersucht. Dafür wurde als erstes, mithilfe wissensoziologischer Theorie, aufgezeigt, dass Arbeitsbedingungen ein Resultat der Werte, Normen und des Alltagswissens sind. Das Verhalten von Akteuren re(produziert) und verändert die Weltsicht der Akteure und die veränderte Weltsicht re(produziert) und verändert wiederum das Verhalten der Akteure. Treten zwei heterogene Alltagswissensbestände aufeinander, so setzt sich die Wirklichkeitsbestimmung des mächtigeren Akteurs durch.

 

Im Folgenden wurde die Netzwerktheorie, mitsamt ihren zentralen Aussagen und Erklärungsmuster skizziert, um auf dieser Grundlage den Einfluss globaler Produktionsnetzwerke zu untersuchen.

 

Schließlich wurden auf Basis der Netzwerkforschung Hypothesen dazu abgeleitet, welche Möglichkeiten globale Produktionsnetzwerke besitzen um die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten von Zulieferer Firmen aus der zweiten Welt zu verändern.

 

Dabei zeigte sich, auf der relationalen Dimension, im Einklang mit der wissenssoziologischen Theorie, dass weniger mächtige Akteure die Werte und Normen, und folglich auch die Arbeitsbedingungen von mächtigeren Akteuren übernehmen. Je stärker die Beziehung zwischen Akteuren ist und je häufiger diese miteinander interagieren, desto wahrscheinlicher ist eine Übernahme der Werte und Normen und die Angleichung der Arbeitsbedingungen. Ebenso sollte mit der Ähnlichkeit von Akteuren auch ihre Interaktionshäufigkeit steigen.

 

Aus der Forschung zur strukturellen Dimension ließen sich ebenfalls Hypothesen zu den Möglichkeiten von Netzwerken zur Veränderung der Arbeitsbedingungen ableiten. So kann angenommen werden, dass zentrale Akteure stärker dazu neigen Werte und Normen, sowie die Arbeitsbedingungen des Netzwerks zu übernehmen, Akteure sich mit ihrem Verhalten besonders an dem der Inhaber von Brückenpositionen orientieren, die Dichte eines Netzwerks positiv mit der Angleichung von Werten, Normen und Arbeitsbedingungen korreliert und, dass die In-Group Bindung von Akteuren die Übernahme externer Werte und somit die Veränderung der Arbeitsbedingungen erschwert. Mithilfe dieser Hypothesen lassen sich, sofern sie sich in der empirischen Prüfung bewähren sollten, Möglichkeiten zur gezielten Entwicklung von Netzwerken ableiten, welche zu einer Veränderung von Arbeitsbedingungen führen werden.

 

Die Hypothesen ließen sich theoretisch jedoch noch um eine signifikante Perspektive erweitern. Die soziale Netzwerktheorie hat allgemein den Anspruch der „goldene Mittelweg“ zwischen untersozialisierten Ansätzen, die von rein rationalen Akteuren ausgehen (Individualismus), und übersozialisierten Ansätzen, die rein rollenbasierte Erklärungen bieten (Holismus), zu sein (vgl. Borgatti/Foster 2003, S. 994; Ebers/Maurer 2014, S. 387). Empirisch finden sich jedoch je nach Art der Forschungsfrage, die mithilfe der Theorie gelöst werden soll, ein recht deutliches Übergewicht an rationalen oder rollenbasierten Erklärungen. „Diffusion study is implicitly about how the network changes the actor.“ (Borgatti/Foster 2003, S. 1002). Wohingegen bei Studien zum Erfolg gilt: „the actor is typically seen as a rational active agent who exploits her position in the network in order to maximize gain.“ (Borgatti/Foster 2003, S. 1004). In der vorliegenden Arbeit wurden Hypothesen auf Grundlage der Diffusionsforschung entwickelt und sind demnach eher rollenbasiert. Soll die Netzwerktheorie nun tatsächlich als Mittelweg zwischen über- und untersozialisierten Ansätzen gelten, so müssten Hypothesen formuliert werden, die rationale Entscheidungen betonen. Studien die z.B. die Auswirkungen von (konformen) Managerverhalten auf die Entwicklung der Beziehungen oder des Netzwerks untersuchen fehlen derzeit jedoch noch völlig (vgl. Ebers/Maurer 2014, S. 401f.).

 

 

6. Quellen

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