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Artikelreihe zu Ludger Pries. Teil 1: Zusammenführung von drei klassischen Migrationstheorien

In seinem Beitrag "Internationalisierung von Arbeitsmobilität durch Arbeitsmigration" kritisiert Ludger Pries (2010) dass klassische Migrations- und Arbeitsmarkttheorien im "methodologischen Nationalismus" (Pries 2010, S. 734) verhaftet seien. Dieser Kritik wird sich in dieser Artikelreihe genähert. Vorläufig ist die Artikelreihe wie folgt geplant: Im ersten Artikel dieser Reihe wird sich mit den klassischen Theorien der Migration auseinander gesetzt die Pries anführt. Diese werden in einem umfassenderen Erklärungsansatz von Arbeitsmigration kombiniert. Im Zweiten wird die Kritik des methodologischen Nationalismus erläutert und die Argumentation skizziert, warum dieser nicht mehr zeitgemäß sei. In einem dritten Artikel werden die Anforderungen an einen Ansatz diskutiert, den Pries für geeigneter hält um Arbeitsmigration zu erklären. Abschließend wird in einem vierten Beitrag ausgewertet inwieweit ein solcher Ansatz einen Mehrwert für die Arbeits- und Migrationssoziologie bietet.  

 

Ein älterer - neoklassischer - Ansatz (vgl. Borjas 1989) zur Erklärung von Migration besagt, dass "die Marktteilnehmer über die Signale der Mengen/Preis-Relation ihren individuellen Nutzen maximieren können" (Pries 2010, S. 732). Dies würde aber bedeuten, dass vorwiegend die ärmste Bevölkerung der ärmsten Länder in die reichsten Länder migriere, da bei einer solchen Wanderung der Grenznutzen am höchsten wäre. Dies ist empirisch jedoch nicht zu beobachten. Die "jeweiligen Lohndifferentiale zwischen Herkunfts- und Ankunftsregion von Arbeitsmigranten allein können also nur sehr unzureichend die realen internationalen Migrationsströme prognostizieren" (ebd). 

 

Ein Ansatz der besser geeignet scheint um Prognosen über Migration treffen zu können bezieht sich auf die sozialen Netzwerke der Akteure (vgl. Kritz/Lim/Zlotnik 1992). Demnach "erfolgt Arbeitsmigration in sozialen Netzwerken und in diejenigen Regionen, in denen bereits Verwandte oder bekannte aus dem lebensweltlichen Erfahrungsbereich tätig sind" (Pries 2010, S. 733). Solche Netzwerke - so zeigt die Empirie - sind schließlich auch für den erfolgreichen Arbeitsmarktzugang verantwortlich (vgl. Boyd 1989). Statt nun also den neoklassischen, rational-Choice Ansatz zu negieren, wäre es also durchaus denkbar eine berechnete Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration in das potentielle Aufnahmeland, bei der Auswahl von ihm, zu berücksichtigen. Der tatsächliche Grenzkosten wäre dann schließlich nicht dann am höchsten wenn die Lohndifferenzen zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland am größten wäre, sondern wenn die erwartete Verbesserung der Lohnsituation am optimalsten scheint.   

 

Die Theorie struktureller Spannung (vgl. Hoffmann-Nowotny 1970) soll erklären warum bestimmte Gruppen migrieren und andere nicht. Migration erfolgt demnach wenn ein Individuum oder eine Gruppe Spannungsverhältnis zwischen ihrem "Prestige" und Ihrer "Macht" empfindet. Letzteres wird "als der Grad verstanden, zu dem ein Anspruch auf Teilhabe an zentralen geteilten sozialen Werten (z.B. Reichtum, Ansehen etc.) auch tatsächlich durchgesetzt werden kann" (Pries 2010, S. 733). Ersteres "ist dagegen [...] der Legitimationsgrad dieses Anspruchs auf Teilhabe" (ebd). Diese Theorie lässt sich schließlich mit den beiden voran gegangen verbinden und ermöglicht so eine umfassendere Erklärung von Migration. 

 

Das Bewusstsein über die Möglichkeit zur Beseitigung von Spannungen entsteht durch das soziale Netzwerk. Bekannte eines Individuums teilen diesem mit, welche Möglichkeiten von "Macht" in einem anderen Land für die eigene Gruppe, mit ihrem Prestige, möglich ist. Das Individuum entscheidet sich folglich nutzen-maximierend, aber mit begrenzter, durch das Netzwerk vermittelter, Information für (oder gegen) die Migration. Je nachdem für wie wahrscheinlich es eine Verbesserung des Spannungsverhältnisses hält. Aber auch nach dem antizipierten Ausmaß der Verbesserung dieses Verhältnisses. Der Grenznutzen, der internationalen Arbeitsmigration, wird folglich und nach subjektivem Empfinden, maximiert. 

Quellen

Borjas, George J. (1989): Economic Theory and internationa migration. In: International migration review, 23 (3), S. 457-485

 

Boyd, Monica (1989): Family and Personal Networks in International Migration. Recent Developments and New Agendas. In: International Migration Review 23 (3), S. 638.

 

Hoffmann-Nowotny, Hans Joachim (1970): Migration. Ein Beitrag zu einer soziologischen erklärung. Stuttgart: Enke. 

 

Kritz, Mary M./ Lim, Lin Lean/Zlotnik, Hania [Hg.] (1992): International migration systems. A global approach. Oxford: Clarendon Press.

 

Pries, Ludger (2010): Kapitel X Arbeitsmarkt und Beschäftigung: Internationalisierung von Arbeitsmobilität durch Arbeitsmigration. In: Böhle F., Voß G.G., Wachtler G. (eds) Handbuch Arbeitssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften

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