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Werturteilsfreiheit in der Soziologie im 21. Jhd.

Warum eine neue Debatte dringend nötig ist

In der heutigen Soziologie wird immer wieder behauptet, dass die Sozialwissenschaften ihr „kritisches Potential“ erhalten müssten (vgl. Dörre et al. 2009, S. 9; vgl. Neumann 2010,

S. 163ff.). Die Soziologie soll in diesem Sinne als „Kampfsport“ verstanden werden, der für die „Unterdrückte“ Gesellschaft einsteht. Frei nach Marx soll es die Aufgabe der Sozialwissenschaften sein, die Gesellschaft nicht nur zu interpretieren, sondern zu verändern (1958, S. 535).

 

Dieses Verständnis der Soziologie lässt sich jedoch nicht mit dem Werturteilsfreiheitspostulat vereinbaren. Das Postulat wurde schon 1914 von Max Weber formuliert und es besagt, dass die Wissenschaft keine begründeten Urteile darüber fällen kann wie die Welt sein sollte. Hingegen ist es nur möglich zu beschreiben wie die Welt ist und warum sie so ist. Dem Bilden eines Urteils, ob etwas "gut" oder "schlecht" sei, können keine wissenschaftlichen Kriterien zugrunde liegen. Demnach ist auch die Positionierung der Wissenschaft für oder wider bestimmter Sachverhalte unwissenschaftlich. Es kann also keine wissenschaftliche Begründung dafür geben, dass sich Sozialwissenschaftler für „die Unterdrückten“ einsetzen müsse.

 

Die Soziologen, die dennoch behaupten, dass sich die Soziologie positionieren müsse und ein konkretes Ziel (die „Befreiung“) verfolgen müsse, rechtfertigen ihren Ansatz oft damit, dass Max Weber irrte. Ja, dass Werturteilsfreiheit unmöglich sei, da z.B. schon die Wahl eines Forschungsthemas eine gewisse Wertung enthielte. Diese Argumentation zeugt in erster Linie jedoch von einer Unkenntnis Webers Postulats (vgl. Keuth 1989, S. 6).

 

Deshalb wird im Folgenden die Argumentation von Max Weber nachgezeichnet, um zu begründen warum Werturteilsfreiheit in den Sozialwissenschaften nötig ist. Danach wird auf häufig angebrachte Kritik an der Werturteilsfreiheit eingegangen um aufzuzeigen, dass diese Einwände eben nicht mit Webers Idee der Werturteilsfreiheit kollidieren. Zum Schluss wird das Potential einer werturteilsfreien Soziologie skizziert. 

Max Webers Postulat der Werturteilsfreiheit

Max Webers Argument der Werturteilsfreiheit lässt sich auf seine Rede „Gutachten zur Werturteilsdiskussion im Ausschuß des Vereins für Sozialpolitik“ (vgl. Keuth 1989, S.22) von 1914 zurückführen. Die Kernthese ist, dass „eine empirische Wissenschaft [...] niemanden zu lehren [vermag], was er soll, sondern nur, was er kann und, unter Umständen, was er will“ (Keuth 1989, S. 7). Ein Werturteil resultiert nun aber daraus wie etwas sein soll. Weber führt weiter aus, dass bei einer Wertung, die Beurteilung „einer durch unser Handeln beeinflußbaren Erscheinungen als verwerflich oder billigenswert verstanden sein“ (Weber 1985, S. 488) soll.

 

Demnach ist es die Aufgabe eines Wissenschaftlers „sich selbst unerbittlich klar zu machen: was von seinen jeweiligen Ausführungen entweder rein logisch erschlossen oder rein empirische Tatsachenfeststellung und was praktische Wertung ist“ (Weber 1985, S. 489). Ursprünglich erhebt Weber nicht einmal die Forderung, dass Wertungen im akademischen Millieu zu unterlassen seien. In seiner "Minimalforderung" (Keuth 1989, S. 30) heißt es, dass Tatsache und Wertung nur deutlich getrennt voneinander dargestellt werden sollen, damit keine Ideologien, Ansichten oder Meinungen als wissenschaftliche Aussagen getarnt verbreitet werden (vgl. Keuth 1989 , S. 7). 

 

Weber geht auch auf die Frage ein, ob ein Dozent überhaupt, wenn auch getrennt von wissenschaftlichen Behauptungen, Werturteile abgeben solle. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass er diese Frage nicht beantworten könne, da sie eben mit subjektiven Wertungen zusammenhänge. Er verzichtet also selbst auf eine Wertung. Je nach eigenem Wertmaßstab, so Weber, müsse die Rolle der Universität verhandelt werden und je nachdem zu welchem Ergebnis man dabei käme, sind Werturteile, als solche kenntlich gemacht, tragbar oder aber nicht (vgl. Weber 1985, S. 490ff). Das Kenntlichmachen ist jedoch in jedem Falle „ein Gebot der intellektuellen Rechtschaffenheit, wenn man einmal die Fremdheit der Sphären [empirisch begründbare Tatsachen und subjektive Wertung] zugibt" (Weber 1985, S. 490). 

Kritik an Webers Postulat

Häufig gibt es Einwände, dass es unmöglich sei empirische Tatsachenbehauptungen und Wertungen voneinander zu trennen. Durch die bloße Benennung von Phänomenen wäre nämlich immer schon eine Bewertung des Phänomens enthalten. Selbiges solle auch für die bloße Wahl eines Forschungsthemas gelten.

 

Genau auf diese Einwände ging Weber 1914 jedoch schon selbst ein.

 

„Daß die Wissenschaft 1. »wertvolle«, d.h. logisch und sachlich gewertet richtige und 2. »wertvolle«, d.h. im Sinne des wissenschaftlichen Interesses wichtige Resultate zu erzielen wünscht, daß ferner schon die Auswahl des Stoffes eine »Wertung« enthält, – solche Dinge sind trotz alles darüber Gesagten allen Ernstes als »Einwände« aufgetaucht. Nicht minder ist das fast unbegreiflich starke Mißverständnis immer wieder entstanden: als ob behauptet würde, daß die empirische Wissenschaft »subjektive« Wertungen von Menschen nicht als Objekt behandeln könne (während doch die Soziologie, in der Nationalökonomie aber die gesamte Grenznutzenlehre auf der gegenteiligen Voraussetzung beruht). Aber es handelt sich doch ausschließlich um die an sich höchst triviale Forderung: daß der Forscher und Darsteller die Feststellung empirischer Tatsachen (einschließlich des von ihm festgestellten »wertenden« Verhaltens der von ihm untersuchten empirischen Menschen) und seine praktisch wertende, d.h. diese Tatsachen (einschließlich etwaiger, zum Objekt einer Untersuchung gemachter »Wertungen« von empirischen Menschen) als erfreulich oder unerfreulich beurteilende, in diesem Sinn: »bewertende« Stellungnahme unbedingt auseinanderhalten solle, weil es sich da nun einmal um heterogene Probleme handelt." (Weber 1985, S. 498f). 

 

Weber ist also schon 1914 auf dieselben Einwände gestoßen, wie es sie heute gegenüber der Werturteilsfreiheit gibt. Wer diese Einwände reproduziert, offenbart damit also nichts anderes als seine Unkenntnis über Webers eigenen Aufsatz (vgl. Keuth 1989, S. 6). 

 

Das Finden eines Problems, oder eines Zwecks, kann keine wissenschaftlichen Tatsachen sein. Die Beurteilung eines Mittels zur Erfüllung eines Zwecks jedoch schon (vgl. Weber 1985, S. 500). Das heißt nicht, dass sich in einer Forschung nicht auf ein Ziel, und Nebenbedingungen zur Erreichung eines Ziels geeinigt werden dürfe. „Aber eine solche gemeinsam vorausgesetzte praktische Absicht nennt man doch nicht eine »Tatsache«, sondern einen »a priori feststehenden Zweck«" (Weber 1985, S. 499).

 

Heute werden derartige feststehende Zwecke jedoch oft als wissenschaftliche Tatsachen dargestellt. In gewisser Weise beruht die gesamte kritische Theorie auf einer solchen Darstellung. Eine objektive Gesellschaftskritik ist nämlich nicht formulierbar, da es keine Möglichkeit gibt die Maßstäbe der Kritik wissenschaftlich zu begründen (vgl. Greve 2015 oder auch Porrello 2018 über Greve). Dennoch wird versucht das zu erreichende Ziel, zumeist eine weniger repressive Gesellschaft, als eine wissenschaftliche Tatsache darzustellen. 

Die Möglichkeiten einer werturteilsfreien Soziologie

Wenn die Soziologie auf die Werturteilsfreiheit verzichtet, dann folgt sie in erster Linie einer  wissenschaftsfremden Prämisse. Die „kritischen“, wertenden Sozialwissenschaften verstehen sich als Vertreter der Unterdrückten und können daher nicht mit einer entsprechenden Distanz analysieren. Das gilt für Migrationssoziologen, die den Multikulturalismus oder Diversität normativ a priori als wünschenswert festlegen (vgl. Koopmans 2013) und für Gender Wissenschaftler, die die Geschlechtergerechtigkeit zum wissenschaftlichen Leitmotiv erklären. Solche Positionierungen verletzen das „Gebot zur Neutralität“ (Luc Boltanski 2010) und verhindern die Kontrastierung des Sozialen mit „ketzerisch wirkenden Fremdbeschreibungen“ (vgl. Kieserling 2000, S. 77ff.). Die Soziologie „als kritisch gebärdende Sozialwissenschaft [muss sich] fragen lassen, ob sie den Gewerkschaften, den Nichtregierungsorganisationen oder den Bewegungsorganisationen als ihren „natürlichen“ Ansprechpartnern wirklich nutzt, wenn sie mit der Programmatik dieser Organisationen vereinbare Beschreibungen anfertigt.“ (Kühl 2018, S. 121). Wissenschaftlich kann diese Beschreibung, ohne Werturteilsfreiheit, zumindest nicht sein.

 

Hingegen kann es sich eine werturteilsfreie Soziologie leisten die Selbstbeschreibung bestimmter Gruppen, Systeme, Netzwerke oder allgemein sozialer Strukturen, durch eine Fremdbeschreibung zu kontrastieren (vgl. Kieserling 2000, S. 77ff.).

 

„Die Soziologie kann beispielsweise – anders als die Theologie – Religion als „Opium des Volks“ bezeichnen (Marx 1956, S. 378) oder proklamieren, dass die Menschen, wenn sie Gott anbeten, eigentlich die Funktionsweise der Gesellschaft anbeten (Durkheim 1981). Sie kann – anders als die Betriebswirtschaftslehre – die Profitorientierung von Unternehmen als „Mythos“ bezeichnen oder gar in der Profitorientierung den Anfang allen Endes sehen (Marx 1962a)“ (Kühl 2018, S. 119f.).

 

„Gute Sozialwissenschaftler – so könnte man eine auf die Genderforschung bezogene Überlegung von Stefan

Hirschauer (2014, S. 882) generalisieren – erkennt man daran, dass sie sich nicht

mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten“ (Kühl 2018, S. 121).

Quellen

Boltanski, Luc (2010): Soziologie und Sozialkritik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

 

Dörre, Klaus; Lessenich, Stephan; Rosa, Hartmut (2009): Soziologie – Kapitalismus – Kritik.

Zur Wiederbelebung einer Wahlverwandtschaft. In: Klaus Dörre, Stephan Lessenich

und Hartmut Rosa (Hg.): Soziologie – Kapitalismus – Kritik. Eine Debatte. Frankfurt

 

a. M.: Suhrkamp, S. 9–20.

 

Greve, Jens (2015): Gesellschaftskritik und die Krise der kritischen Theorie. In: Stephan Lessenich (Hg.) Routinen der Krise - Krise der Routinen. Verhandlungen des 37. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Trier

 

Keuth, Herbert (1989): Wissenschaft und Werturteil. Zu Werturteilsdiskussion und Positivismusstreit. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften, Band 59).

 

Kieserling, André (2000): Die Soziologie der Selbstbeschreibung. In: Henk de Berg und

Johannes F.K. Schmidt (Hg.): Rezeption und Reflexion. Zur Resonanz der Systemtheorie

 

Niklas Luhmanns außerhalb der Soziologie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 38–92.

 

Koopmans, Ruud (2013): Multiculturalism and Immigration: A Contested Field in Cross National Comparison. Annual Review of Sociology 39: 147–69.

 

Kühl, Stefan (2018): Arbeit – Marxistische und systemtheoretische Zugänge, Springer VS, Wiesbaden 

 

 

Weber, Max (1985): Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Hrsg. von Johannes Winckelmann. 6., erneut durchgesehene Auflage, Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 1985 (1. Auflage 1922)

 

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